Die Geschichten von der Erschaffung der Welt und des Menschen (1. Buch Mose, Kap. 1 & 2)


Die gängige Deutung:

Die Welt wurde perfekt geschaffen. Solange die Menschen sich ihrer selbst nicht bewußt waren, war alles in Ordnung und gut. Die Menschen mußten sich um nichts kümmern und waren glücklich. Mit dem Essen von der Frucht vom Baum der Erkenntnis geschah der Sündenfall. Ein Mensch, der sich selbst kennt, der weiß, was gut und was böse ist, der weiß, was Intimität und Liebe und auch was Distanz und Haß ist, ist unglücklich. Das Leben ist nur Arbeit (früher in erster Linie für den Mann) und Schmerz (früher in erster Linie für die Frau). Der Mensch ist wie Gott, und hat nichts davon. Der Baum des Lebens ist unerreichbar. Erst nach dem Tod erreicht die Seele Gott, und kennt keinen Schmerz mehr, leider hat der Mensch dann auch seinen Körper und die individuelle Liebe nicht mehr – er geht in einem körperlosen Himmel auf.

Kurz gesagt: Früher war alles gut, später wird wieder alles gut sein, jetzt überwiegt im Leben auf der Erde Schmerz und Arbeit. Genuß des Körpers gehören in die erste Zeit, Arbeit und Liebe in die zweite, und Sinn und Glaube in die dritte, zusammen gibt es das nicht.


Meine Deutung:

Bevor der Mensch "Ich" und "Du" sagen konnte, bevor er sich seiner selbst bewußt war, lebte er wie ein intelligentes Tier, das schon Werkzeuge gebrauchen konn-te. Er war zufrieden oder unzufrieden, je nachdem er zu essen hatte und es warm und ungefährlich war, oder auch nicht. Glück und Liebe aber kannte er nicht, da dies vom Bewußtsein abhängt. Ich habe es selbst bei meinem Aufenthalt in einem Urvolk, dessen Sprache ich gelernt hatte, vor 20 Jahren noch erleben können.

Der Mensch wurde Mensch mit der Entdeckung des Bewußtseins und der Sprache. Erst danach entwickelte er das Wissen über die Zugehörigkeit eines Kindes zu einer einzigen Frau und gleichzeitig damit Ackerbau und Viehzucht. Einige tausend Jahre später entdeckte er die Rolle eines Mannes bei der Zeugung und entwickelte Städte, Staaten und die Schrift.
Heute hat diese Entwicklung einen Abschluß darin gefunden, daß ein großer Teil der Menschen nicht mehr in unmittelbarer materieller und politischer Not lebt. So kann der Mensch heute individuelle Liebe leben und sein Leben (wenn auch noch mit manchen Einschränkungen) frei gestalten.

Damit kann der Mensch jetzt im Leben hier auf der Erde auch vom Baum des Lebens essen – das heißt, wenn er will. Das Leben wäre schön, der Mensch kann sich Partner für Liebe und Freundschaft suchen, er kann in seinem Beruf oder in der Freizeit selbst Dinge gestalten und schaffen. Er kann Genuß des Körpers, Liebe und Arbeit, sowie Sinn gleichzeitig erfahren.

Kurz gesagt: Jede der drei Zeiten war nötig. Doch die Zufriedenheit des ersten Paradieses hatte den Nachteil der Langeweile, die Zeit des entstehenden Bewußtseins hatte neben Arbeit und Schmerz als Vorteile auch Liebe und die verschiedenen Entdeckungen und Abenteuer.

Ob jemand die neuen Möglichkeiten nutzt, und im Leben auf der Erde vom Baum des Lebens ißt, oder nicht, ist die freie Entscheidung jedes Menschen. Es ist ein Leben ohne Schicksal, das wichtigste tut jeder Mensch für sich selbst und für die, die er liebt.

Es ist heute klar, daß die Seele jedes Menschen nicht automatisch nach dem Tod weiterlebt. Sie muß ebenso gepflegt werden wie alles andere, was lebendig ist.

© Johannes Schröder, Hamburg 1997