Jakob aber zog aus von Beerseba und machte sich auf den Weg nach Haran. da traf es sich, daß er an die Stätte kam, und er blieb daselbst über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen von den Steinen der Stätte, tat ihn unter sein Haupt und legte sich an dieser Stätte schlafen. Da träumte ihm, eine Leiter sei au die Erde gestellt, die mit der Spitze an den Himmel rührte, und die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und siehe, der Herr stand vor ihm und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks; das Land, auf dem du ruhst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und deine Nachkommen sollen zahlreich werden wie der Staub der Erde; gegen Abend und Morgen gegen Mitternacht und Mittag sollst du dich ausbreiten, und mit deinem und deines Geschlechtes Namen werden sich Segen wünschen alle Geschlechter der Erde. Siehe, ich bin mit dir und will dich beschützen allenthalben, wo du hinziehst, und dich in dieses Land zurückbringen. Denn ich will dich nicht verlassen, bis daß ich getan, was ich dir verheissen habe. Als Jakob von seinem Schlaf erwachte, sprach er: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wußte es nicht. Und er fürchtete sich und sprach: Wie furchtbar ist diese stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, hier ist die Pforte des Himmels. Am anderen Morgen aber in der Frühe nahm Jakob den Stein, den er unter sein Haupt gelegt hatte, richtete ihn auf als Malstein und goß Öl oben darauf; und er nannte die Stätte Bethel (d. i.Gotteshaus). (1. Mose 28; 10-19)
Die Geschichte der Stammväter Abraham, Isaak und Jakobs kommt aus dem Judentum, doch die westlichen und monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam beziehen sich alle drei auf sie.

Ursprünglich waren Abraham, Isaak und Jakob legendäre Urväter verschiedener Beduinenstämme, aus denen nach der Ansiedlung das Volk Israel wurde, später wurden sie zu Vater, Sohn und Enkel erklärt und unterschiedliche Geschichten um sie herum erzählt. Keine Geschichtsfälschung, sondern der Versuch, Erkenntnissen über menschliches Verhalten in eine erzählerische Form zu gießen.

Jakob ist in dieser Geschichte auf der Flucht vor seinem Zwillingsbruder Esau zurück nach Haran (im heutigen Irak) in die Heimat seiner Mutter Rebekka. Er hatte, zusammen mit seiner Mutter, seinen Vater Isaak am Sterbebett betrogen und sich den Segen des Erstgeborenen erschlichen, der seinem Bruder Esau zustand. Der Betrug war raffiniert: Isaak bat Esau um ein letztes Mahl, saftiges Wildbret, und wollte ihn dann segnen, ihm das Erstgeburtsrecht übertragen. Rebekka hörte dies mit, ging zu Jakob und schlug ihm vor, ein Schaf zu schlachten, sich seine unbehaarten Arme mit Fell zu bedecken und sich damit als Esau auszugeben um den Segen zu bekommen. Jakob tat so und der blinde Isaak bemerkte es nicht. Als Esau von der Jagd zurückkam, war der Segen vergeben und Isaak konnte nach damaligem Glauben nichts zurückgängig machen.

Und diesem Betrüger spricht Gott in dem Traum noch einmal den geraubten Segen zu! Zunächst scheint dies unverständlich zu sein, Jakob ist nach seinem Erwachen voller Furcht.

Segen wird in der Regel als Geschenk verstanden, zu dem ich nichts beitragen muß, oder als Erbe, das ich gebrauchen und verbrauchen kann, wie ich will. Hier ist aber, wie an anderen Stellen im alten Testament (und wie auch in anderen Religionen) ein anderer Begriff von Segen gemeint. Um im Beispiel des Erbes zu bleiben: Segen ist nicht mit der Vererbung von 10 Millionen DM in bar zu vergleichen, sondern mit der eines Betriebes, einer Firma mit 50 Mitarbeitern in diesem Wert. Der Erbe kann davon leben, aber er muß etwas tun, in diesen Betrieb investieren, für die Mitarbeiter sorgen. Tut er es nicht, kann er das Erbe zerstören.
Daher ist Jakob erschrocken, es ist für ihn ein heiliger und furchtbarer Ort, an dem er den Traum hat. Er weiß, daß er sich sich selbst und seiner Schuld stellen muß, wenn er den Segen bestätigt, den er geraubt hat und der nun von Gott für gültig erklärt wird.

Und so geschieht es, als er annimmt. Als er nach Haran gekommen ist, wird von seinem Onkel, der ebenso raffiniert ist wie seine Mutter, zweimal um seinen Lohn betrogen, arbeitet 30 Jahre wie ein Knecht bei ihm, und kommt nur durch einen weiteren Betrug seinerseits wieder frei. Er muß sein Leben mit einer ungeliebten Frau, die ihm sein Onkel in der Hochzeitsnacht untergeschoben hat, zusätzlich zu der Frau, die er liebte, verbringen und in seinem Alter verkaufen die Kinder aus der Ehe mit der ungeliebten Frau seinen Lieblingssohn aus der zweiten Ehe als Sklaven nach Ägypten.

In der Geschichte der Religionen wurde diese Wahrheit über den Segen immer wieder verdrängt. Dagegen haben die anderen Bilder dieser Geschichte eine Wirkung, die bis zu Motiven für den Anschlag in dieser Woche in Amerika hinreichen.

Der Himmel, dessen Tore offenstehen und in den ich eingehen kann. Der Segen, der mir zusteht, egal was ich tue. Das Land, das mir versprochen ist. Die zahllosen Nachkommen, mit denen ich die Erde fülle.

Wir wissen noch nicht, ob es Täter bei diesem Anschlag gibt, die nicht gestorben sind und wer sie sind. Die die Flugzeuge entführt haben, waren sich sicher (oder zum Teil sicher), daß sie nach ihrer Tat in den Himmel kommen. Dieser Glaube wird von Menschen in allen Religionen geteilt und ist auch uns nicht so fern, wie wir jetzt gern denken. In Hamburg steht am Stephansplatz ein großer Stein, und darauf die Inschrift: „Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen.“ Daneben steht ein neueres Denkmal, zerrissen wie die Reste des World Trade Centers, das andeuten soll, wie diese Haltung das Leben zerreisst und zerrissen hat.

Die christlichen Kreuzzüge, die „Glaubenskriege“ und das „Gott mit uns“, mit dem die Soldaten in den Krieg zogen, sind unsere Tradition mit dieser Haltung. Im Judentum blüht nach den Verbrechen der Nazizeit an den Juden in Deutschland nun in Israel eine Haltung wieder auf, die im Judentum schon seit 2000 Jahren überwunden zu sein schien: „Wir sind das auserwählte Volk, dem das heilige Land allein zusteht“ - wörtlich gemeint, nicht im Sinne des Jakobssegens als individuelle Pflicht, Geschenk und Last zugleich. Ähnlich sind die islamischen Traditionen der Belohnung im Himmel für Tod im (heiligen) Krieg zu verstehen, neben denen es auch Traditionen der Toleranz und der Hinwendung zur Schönheit des irdischen Lebens gab.

Daß ein Versprechen von zahllosen Nachkommen zum Segen gehörte, ist aus der damaligen Zeit zu verstehen, in der auf der gesamten Erde etwa 20 Millionen Menschen lebten, so viele, wie heute in Nordrhein-Westphalen. Diesen Segen können wir nicht auf heute übertragen. Da-mals brauchten Menschen mehr Mit-Menschen, um zu überleben, um mit den Unwägbarkeiten der Natur klarzukommen. Und Menschen fanden sich zu möglichst großen Sippen zusammen, um sich gegen andere Menschen verteidigen zu können, da es noch kein allgemeines Recht gab.

Heute ist es ein Segen, wenn Menschen kein, ein oder vielleicht zwei Kinder bekommen, oder ein Kind adoptieren. Wenn die Bevölkerung, wie jetzt in Europa zurückgeht. Denn die Erde trägt höchstens 2 Milliarden Menschen, wenn alle so leben, wie wir in Europa oder den USA leben und wenn unsere Mitgeschöpfe, Tiere und Pflanzen, auch noch Raum haben sollen. Die Erde hat nicht mehr Raum und den vorhandenen Raum hat der Mensch überfüllt. Die furchtbaren Kriege in Ruanda und Burundi sind nur zu verstehen, wenn man weiß, daß diese Länder so überbevölkert waren, daß jedem Menschen dort nur noch einige 100 m2 Grund zur Verfügung stand.

Sie sind in den vergangenen Tagen immer wieder still geworden in Trauer und Mitgefühl mit den Opfern der Anschläge in Amerika. In diesem Gottesdienst haben wir Fürbitte für die Opfer und für ihre Angehörigen gehalten. Daß im gleichen Gottesdienst sich Valerie Guillaume sich hat taufen lassen und damit den Segen Gottes, der bereits über ihrem Leben stand, bestätigt hat, ist kein Widerspruch dazu.

Der Zorn vieler Menschen gegen die Täter ist verständlich. doch er soll meiner Meinung nach nicht den Segen überdecken, der zugleich an vielen Orten und auf Menschen liegt. Meiner Meinung nach würde die Entladung und Entlastung des Zornes durch einen Schlag mit Bomben und Raketen gegen Täter, die sich sicher zwischen unbeteiligten Männern, Frauen und Kindern verstecken, nur den Tätern dienen. Sie suchen den Tod und das vermeintliche Paradies. Und ihnen ist das Leben anderer Menschen egal.

Eine Verhaftung dagegen, unheroisch wie bei jedem Dieb und Mörder, Gefängnisstrafe, bei der sie viel Zeit haben, sich selbst und ihrer Tat ins Angesicht sehen zu müssen, ist viel schwieriger und unpopulärer als der militärische Schlag, wäre aber eine Antwort nicht mit den gleichen Mitteln. Und die Täter, wenn sie überhaupt Furcht verspüren, werden dies als Schande erleben, Krieg dagegen als Aufwertung und Bestätigung ihrer Tat.

Das Böse läßt sich nicht ausrotten, läßt sich nicht aus der menschlichen Gesellschaft entfernen. Um das zu verstehen, muß sich nur jeder von uns selbst ansehen. Habe ich nie meinen eigenen Vorteil auf Kosten Anderer gesucht? Habe ich nie den oder die verletzt, die mir besonders lieb sind? Habe ich nie Rache geübt oder gewünscht? Wie Jakob sich angesichts des Segens selbst ansieht, so können wir uns ansehen. Und werden verstehen, daß es möglich ist, das Böse verstehen, es zu bereuen, es real wieder gut zu machen, aber nicht, das Gute zu behalten und das Böse abzuschaffen. Die Polarität Gut und Böse zu verlassen, ist eine andere Sache, setzt aber eine tätige Hinwendung zum Leben in allen Lebensbereichen voraus. Die früher mögliche Entfernung aus dieser Polarität in Klöster, Meditation oder anderen Formen der Abwendung von der Welt entspricht der heutigen Lebenpraxis in der Regel nicht mehr.

Die Haltung zum Leben jedes einzelnen Menschen ist wichtig und nicht mehr wie früher in erster Linie seine Bindung an die Gemeinschaft. Daher ist der Blick auf das Leben, die Annahme des Segens und das Stiften von Frieden der deutlichste Widerstand gegen den Terror. Jeder kann ein Segen sein oder auch nicht, es liegt am einzelnen Menschen, ob er Segen annimmt und Segen gibt. Es kommt dabei nicht auf die Größe der Tat oder des eigenen Lebensbereiches an. Ein Mahatma Gandhi oder Nelson Mandela ist bekannt als Friedensstifter. Wenn Frieden im Alltag ohne (politischen) Kampf gestiftet wird, ist dies dagegen in der Regel keine Nachricht in Zeitung oder Fernsehen wert.

Stiften von Frieden und die Freude am Leben sind Antwort auf Lebensverneinung und Terror. Daher hat die Taufe auch und gerade an einem Tag des Gedenkens ihren Platz.

© Johannes Schröder, Hamburg, 16. 9. 2001