2. Mose 33; 17 - 23



Da sprach der Herr zu Mose: Auch was Du jetzt erbeten hast, will ich tun; denn Du hast Gnade gfunden in meinen Augen und ich kenne Dich mit Namen. Mose aber sprach: Laß mich doch Deine Herrlichkeit schauen! Und Gott antwortete: Ich will all meine Pracht vor Deinem Angesicht vorübergehen lassen und will den Namen der Herren vor Dir ausrufen: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.
Dann sprach er: Du kannst mein Angesicht nicht schauen, denn kein Mensch bleibt am Leben, der mich schaut. Und der Herr sprach: Siehe, da ist Raum neben mir; tritt auf den Felsen. Wenn nun meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich Dich in eine Kluft des Felsens stellen und meine Hand schützend über Dich breiten, bis ich vorüber bin. Und wenn ich dann meine Hand weghebe, darfst du mir nachschauen, aber mein Angesicht kann niemand sehen.

Eine alte Geschichte aus dem Moment, aus der Zeit, in der einige Sippen / Stämme, aus denen später das Volk Israel wurde, den unsichtbaren Gott entdeckten und sich von den sichtbaren Gottheiten, wie Berge, Bäume, Flüsse, Sonne, Mond und Sterne entfernten.

Archeologen können für dieses Ereignis keine Beweise finden und ausgraben. Beweise dafür, daß Beduinenstämmzu Zeiten der Hochkonjunktur in Ägypten als „Gastarbeiter“ angeworben wurden und tatsächlich, wie in der Bibel berichtet, Ziegel brannten, gibt es. Man braucht z. B. in Luxor nur den Blick von den gigantischen Prachtbauten aus Stein in die umliegenden Dörfer zu wenden, dann findet man Ruinen der alten Stadt aus Ziegel. Und auch Belege für den Verfall der Macht und der Konjunktur Ägyptens gibt es, in dem die Gastarbeiter zu Sklaven wurden.

Doch für die Entdeckung des unsichtbaren Gottes gibt es ebensowenig materielle Beweise wie für die Entdeckung des Bewußtseins und des Ichs des Menschen. Sie kann es auch nicht geben. Am vergangenen Sonntag habe ich das erste Kind eines Paares getauft, das vor einem Jahr geheiratet hat. Freunde haben die Hochzeit für Verwandte in Amerika auf Video aufgezeichnet. Der Vater des Kindes erzählte nach der Taufe, daß er sich das Video der Hochzeit nicht ansehen wollte, da es sein Erlebnis der Hochzeit nicht wiedergeben kann. Er hat sich den Anfang angesehen, dann ist er aus dem Zimmer gegangen. Zu sehen, welchen Gesichtsausdruck er damals machte, ob er gestottert hat etc. wäre nur eine Abschwächung des Erlebnisses gewesen. Die Abbilder des Ereignisses hätten die Wirklichkeit verfälscht und verdunkelt.

Die Liebe kann man nicht filmen. Besucher der Hochzeit dagegen, die mehr Distanz haben, sehen die Hochzeit auf Video ähnlich, wie sie die wirkliche Hochzeit gesehen haben. Man kann natürlich die Liebe umschreiben. Ob man sie als blaue Blume beschreibt, oder seinen Liebsten „Bärchen“ ruft (auch wenn er nicht so aussieht), die Liebe wird verstanden, auch wenn sie direkt nicht zu fassen oder materiell zu beschreiben ist. Auch ein künstlerischer Liebesfilm zeigt nicht die Liebe, sondern nähert sich ihr an und umschreibt sie.

Genauso ist es mit dem Glauben und Gott. Diese Geschichte beschreibt die Beziehung von Mose zu dem neu entdeckten unsichtbaren Gott. Natürlich möchte Mose ihn sehen. und Gott wird hier mit Worten beschrieben, als sei er ein Mensch, auch wenn er kein Mensch ist. Aber es bleiben uns nur die menschlichen Worte und Bilder. Und die Erfahrung, daß dieser unsichtbare Gott wirksam ist und wirkt, wird mit dem Bild des Vorüberschreitens und Hinterherschauens beschrieben. Viel näher an der Wahrheit, als die zahllosen alten bärtigen Herren, die man in alten Kirchen als Bilder Gottes abgebildet sieht.

Es geht um Erfahrung und Beziehung. Das veranschaulicht diese Geschichte.


© Johannes Schröder, Hamburg, den 11. 1. 2000