So spricht der Herr: Der Weise rühme sich nicht seiner Weisheit, und der Starke rühme sich nicht seiner Stärke, der Reiche rühme sich nicht seines Reichtums;
23 sondern wer sich rühmt, rühme sich dessen: Einsicht zu haben und mich zu erkennen, daß ich der Herr bin, der Gnade, Recht und Gerechtigkeit übt auf der Erde; denn daran habe ich Gefallen, spricht der Herr.    Jeremia 9; 23 + 24

Jeremia war einer der ersten Menschen, von denen wir wissen, die sich selbst individuell verstanden haben, und nicht über ihre Funktion oder Position.

Er hat mit Gott gerungen. Er wollte nicht Prophet werden, denn er wußte, was es bedeutet, da er diese Aufgabe ganz im Sinne des Lebens wahrnehmen wollte, oder gar nicht. Die Stellung als unpersönliche Funktion lehnte er für sich ab. Wenn wir für das Wort „Gott“ „Leben“ oder „Liebe“ einsetzen, verstehen wir dies besser.

Funktion kommt aus dem Tierreich. Stärke sind die Hörner des Büffels, die Größe des Elefantenbullen, die Stärke des Wolfes im Rudel. Geld, Statussymbole und Macht können unter Menschen eingesetzt werden wie die Farben, Bewegungen und Erkennungsmarken der Tiere, auf die die anderen Tiere instinktiv reagieren. Das Rad des Pfaus, der rote Fleck am Hals des Rotkelchens, die Farben vieler Fische. In diesem Fall werden funktionierende Instinkte als menschliche Weisheit bezeichnet.

Menschen nehmen den Mercedesstern als Hörner, die Villa als großes Nest, die Mode als Pfauenrad, den Doktorhut oder Nobelpreis für die Instinkte (und dekoriert wird der von den Entdeckern 30 Jahre nach Schöpfung seines Werkes, von dem sicher ist, daß er nichts Neues mehr schafft). Andere Menschen reagieren darauf und nennen diejenigen die besten Werke, auf die man instinktiv, automatisch und funktionell reagieren kann. Die kein eigenes Verständnis verlangen und nicht in Beziehung zu anderen Werken und anderen Menschen stehen.

Doch die Schöpfung geht weiter. Eines der größten Mißverständnisse in vielen Bereichen menschlichen Handelns und Forschens ist die Vorstellung, daß Gott irgendwann einmal die Welt geschaffen hat, sich dann ausruhte, und dann, verzeihen Sie den Ausdruck, den Löffel abgab.

Nun gebrauchen oder verbrauchen die Menschen nach dieser Vorstellung das, was Gott ihnen vorgesetzt hat. Dieses Verständnis gibt es in allen Religionen wie auch in der Wissenschaft. In Teilchenbeschleunigern oder mit Röntgenteleskopen wird nach dem Urknall gesucht, in Afrika und Asien nach dem ersten Menschen, und in Genlabors das Genom des Menschen entziffert.

Man wird viel über technische Funktionen herausfinden, das Leben wird man so nicht finden.

Stehen Leben, Beziehung, Liebe, Freundschaft, Gerechtigkeit, Einsicht und Kreativität im Mittelpunkt des Strebens, ist die Ausrichtung anders.

Auch dann können Menschen Wissenschaft, Kunst, Haus und Auto und Mode genießen. Unter diesem Vorzeichen bekommen sie aber eine andere Qualität und werden meist viel schöner. Mit Leben gefüllt und in Formen des Lebens.

Wenn man sich das nötige Werkzeug nimmt, und eine Orgel auseinandernimmt, findet man in ihr nicht die Musik von Bach, Beethoven oder Charlie Parker. Man findet nur die technischen Details, und versteht vielleicht, wie der Motor die Luft in die Pfeiffen bläst und wie die Länge der Pfeiffen mit der Tonhöhe korrespondiert. Auch, wenn man die Noten sieht und versteht, versteht man nicht automatisch die Musik. Und wenn man einen automatischen Spieltisch an der Orgel installiert, hört man die gleiche Musik auf immer gleiche Weise, der Geist und die Emotion fehlt. Nur menschliche Kreativität schafft und schöpft Musik. Nur menschliche Lehrer können anderen Menschen die Ohren für Musik öffnen, wenn man es nicht selbst für sich tut.

Der Mensch ist nach dem Bild Gottes geschaffen. Der Mensch setzt die Schöpfung fort. Oder er verweigert sich und verbraucht sie nur. Und nutzt allein die tierischen Elemente des Lebens. Das ist wie ein Hund, der sich zwanzig Jahre hinsetzt und versucht, wie ein Baum zu leben. Der Mensch unterscheidet sich vom Tier so, wie das Tier von derPflanze. Jeremia hat den Mut gehabt, die Schöpfung fortzusetzen, in Richtung zum individuellen Menschen.


© Johannes Schröder, Hamburg, den 22. 2. 2000