„Meinet nicht, daß ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, einen Menschen mit seinem Vater zu entzweien und eine Tochter mit ihrer Mutter und eine Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter, und „des Menschen Feinde werden die eigenen Hausgenossen sein“. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer nicht sein Kreuz nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.“

Matthäus 10, Verse 34 bis 38:
Wir stellen uns Jesus als Friedensboten vor. Daher wirkt dieser Text so anstößig und unverständlich. Er ist aber klar und verständlich, wenn wir die Aussagen von Jesus nicht als Handlungsanweisungen und absolute Gesetze mißverstehen, sondern als Wahrheit in bestimmten Situationen begreifen.

Es gibt Situationen, auch in der engsten menschlichen Gemeinschaft, der Familie, in der das Schwert der Wahrheit eingesetzt werden muß, um Leben zu bewahren. Ein extremes und in den vergangenen Jahren oft bekannt gemachtes Beispiel dafür ist der sexuelle Mißbrauch eigener Kinder durch den Vater. In 90% der Fälle schweigt die Mutter der Kinder und nimmt die Zerstörung der eigenen Kinder um des lieben Friedens willen und wegen des Bildes einer heilen Familie nach aussen hin hin. Nur die Auseinandersetzung mit der Wahrheit kann hier Leben retten.

Jesus nimmt das Beispiel der Familie, da er aus eigener Erfahrung wußte, wie Familien die Entwicklung und Unabhängigkeit ihrer Mitglieder behindern können. Seine Mutter und seine leiblichen Geschwister (siehe bei Matthäus 13; 53-57), betrachteten Jesus zunächst als Verräter der eigenen Familie, da er als ältester Sohn seine Pflicht nicht wahrnahm, dem Haushalt seiner mindestens achtköpfigen Herkunftsfamilie vorzustehen. Statt dessen verstand er sich als Bote der göttlichen Wahrheit, mußte also wahnsinnig geworden sein (siehe bei Lukas 4; 16-30).

Die Kirche hat später diesen Text mißbräuchlich eingesetzt, um das Mönchsleben und die Abkehr von der Welt mit ihm zu begründen. Wenn wir dagegen die Gleichsetzung Gottes durch Jesus mit Leben, Liebe und Gerechtigkeit ernst nehmen, kann auch ein Atheist diesen Text gut verstehen. Das Leben und die Liebe stehen vor Blutsbanden oder sozialen Verpflichtungen, sagt Jesus, und wenn das Leben und die Liebe von Blutsbanden oder sozialen Bindungen bedroht werden, ist die Entscheidung für die Liebe und das Leben und gegen die Blutsbande klar. Die Auseinandersetzung und der Streit muß im Interesse der Wahrheit und des Lebens auch mit den eigenen Angehörigen oder den eigenen Kollegen und Genossen geführt werden – das ist gemeint mit: „sein Kreuz nehmen“.

Identifikation durch Blut, Boden und Volk wurden in den dunklen Zeiten der Vergangenheit der Orientierung nach Liebe und Leben vorgezogen. In der Gegenwart herrscht scheinbar ein freieres Verhalten vor. Doch wurde leider die Blut- und Bodenbindung durch die Anpassung an die Gruppe und an die Kräfte eines nicht mehr zu befragenden (sozusagen übernatürlichen und göttlichen) Marktes ersetzt. Parteien, die Einigkeit nach aussen präsentieren, die sich einer Führungsfigur unterworfen haben, und die nicht mehr um die Wahrheit streiten, werden gewählt. Streit um die Wahrheit dagegen wird als abschreckend, als ein Zeichen von Schwäche empfunden.

Dieses Verhalten von Parteien und ihren Wählern, von Firmen und ihren Kunden zugleich in perfektem Einvernehmen miteinander nennt die Wahrheit schwach und schwächt sie damit. Es stellt Erfolg nicht neben, sondern vor die Liebe, und schafft damit die Liebe ab. Es hält Leben für unveränderlich, und verhindert damit die Veränderung und Entwicklung von Leben.

Jesus war nicht gegen Erfolg, Geld, Genuß und Schönheit des Lebens, wie es sogenannte Linke zu ihrer Rechtfertigung gedeutet und behauptet haben. Er wollte diese Dinge und Möglichkeiten gerade mit der Liebe, dem Leben und der Gerechtigkeit verbinden, um alles zu entwickeln und jeden Bestandteil des Lebens für sich und das gesamte Leben stärker machen. Jesus wollte reiche, gesunde und glückliche Menschen in einer gerechten Welt, nicht willfährigen Opfern in Sack und Asche zur inneren Flucht aus einer bösen Welt verhelfen.

Am besten war es für ihn daher, wenn alles zusammengeht, wenn Eltern ihre Kinder im Sinne des Lebens mit Liebe und zur Liebe erziehen, und wenn Kinder eine Unterstützung und ein Loslassen der Eltern zu einem eigenen Leben erfahren und wertschätzen. Wenn eine Gruppe, eine Firma oder eine Partei die Suche nach und den Streit um die Wahrheit sucht und schätzt. Das Schwert der Wahrheit mußte er aber so klar und eindeutig benennen, wie er es tat, den Vorrang der Liebe und des Lebens vor allem Anderen mußte er feststellen, damit klar bleibt, worum es beim Menschsein geht.


© Pastor Johannes Schröder, Hamburg, den 24. 10. 1999