Die Bekehrung des Saulus, Apostelgeschichte 9, 1 - 9 (+ 10 - 20)

Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe. Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst. Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden. Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.
Saul war der erste König der Juden, der Vorgänger von David und Salomo. Paulus war Jude, von"türkischer" Abstammung (damals Thrakien), griechischer Muttersprache und römischer Staatsbürgerschaft. Ob er vor seiner Bekehrung wirklich Saul hieß, oder ob die Apostelgeschichte mit diesem Namen erzählen wollte, daß Paulus der Vorläufer der Apostel war, wie Saul der Vorläufer der jüdischen Könige war, wissen wir heute nicht. Einem Erwachsenen einen neuen oder zusätzlichen Namen zu geben, war zur der Zeit nicht ungewöhnlich, und dieser Name hatte eine Bedeutung, die mit der Person zu tun hatte. Unsere Vor- und Nachnahmen lassen es heute noch erkennen, daß es auch bei uns früher so war: Siegfried, Gottlieb, Georg (der Bauer), Petra (von Petrus, der Fels); Bauer, Schmidt, Meier (Bürgermeister), Weißhaupt oder Starke.
Wir wissen heute, daß Paulus in Wirklichkeit nicht "mit Drohen und Morden schnaubte", sondern eher den Beruf eines Revisors und Beobachters jüdischer Gemeinden und Konfessionen hatte, vergleichbar mit einem heutigen Beauftragten für Weltanschaungsfragen oder mit einem Propst. Seine Gegnerschaft zu den Juden, die an Jesus als den Messias glaubten (den Namen "Christen" hat erst der römische Kaiser Nero 20 Jahre später erfunden, erst 30 Jahre später trennten sich die Christen von den Juden) war geschichtlich wirklich. Doch er hat mit Worten und religiösen Strafandrohungen (z. B. kein Zugang zum Heiligen im Jerusalemer Tempelfür ein Jahr) gekämpft, nicht mit Gefängnis oder gar Todesstrafe.
Dagegen wurden Christen zur Zeit des Lukas (65 Jahre später) verfolgt und auch ermordet. Lukas überträgt seine Erlebnisse auf Paulus` Zeit.
Durch seinen Beruf und auch durch seinen persönlichen Einsatz wußte Paulus bestens über Jesus Bescheid, obwohl er Jesus persönlich nicht kennengelernt hat. Er war etwa gleichaltrig mit Jesus, Jesus selbst aber hatte sich immer ganz als Jude verstanden und war daher in Wirklichkeit für die jüdische Führung ein geringeres Problem als später seine Anhänger. Wie ich schon häufiger erzählt habe, war ja in Wirklichkeit Pilatus für die Kreuzigung verantwortlich, viele Juden waren Jesus gegenüber zwar skeptisch, aber sie respektierten ihn. Die Pharisäer und Schriftgelehrten sprachen ihn stets mit "Rabbi" (Lehrer) an. Jesus war ihnen ein geachteter Gegner innerhalb ihrer Religion.
Weil Paulus Jesus sehr gut in seiner Lehre kannte, ist es nicht ungewöhnlich, daß er in einer Vision von einem Augenblick zum nächsten seine Haltung zu dieser Lehre änderte. Berühmte Wissenschaftler und Künstler haben immer wieder erzählt, wie sie nach Monaten oder Jahren scheinbar fruchtloser Arbeit in einem Moment die klare Erkenntnis, Idee oder das klare Bild vor sich hatten. Das mindert die Bedeutung dieser Vision in keiner Weise.
Die Vision ist eine enorme Kraftanstrengung für Körper, Geist und Seele. Vorübergehende Krankheitserscheinungen begleiten sie daher nicht nur bei Paulus. Doch nach dieser Phase "fiel es von seinen Augen wie Schuppen" (daher kommt unsere Redewendung), und in der gleichen Leidenschaft wie vorher vertritt er nun die Lehre Jesu.
Die Person des geschichtlichen Jesus war dagegen Paulus auch danach egal. Daher schreibt er nichts über Jesus in seinen Briefen, obwohl diese Briefe die ältesten Zeugnisse, und wohl auch die zuverlässigsten des neuen Testamentes sind.


© J. Schröder, 28. 8. 98