Jeremia 20, 7 - 11

Du hast mich betört, o Herr, und ich habe mich betören lassen; du bist mit Gewalt über mich gekommen und hast obsiegt. Ich bin zum Gelächter geworden den ganzen Tag, jeder spottet meiner. Sooft ich rede, muß ich aufschreien: „Unrecht! Gewalttat!“ muß ich rufen. Denn das Wort des Herren ist mir zur Schmach und zum Hohn geworden den ganzen Tag.

Sage ich mir aber: „Ich will seiner (Gottes) nicht mehr gedenken, will nicht mehr reden in seinem Namen“ dann wird es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, verhalten in meinem Gebein. Ich mühe mich ab, es zu tragen, und vermag es nicht. Viele schon hörte ich zischeln – welch ein Grauen ringsum! – : „Zeiget ihn an!“ – „So wollen wir ihn anzeigen! Ihr seine Vertrauten alle, belauert ihn! Vielleicht läßt er sich betören, daß wir seiner Herr werden und uns an ihm rächen.“
Aber der herr ist mit mir wie ein furchtbarer Held; darum werden meine Verfolger zu Falle kommen und nichts vermögen.
Jeremia, Prophet in Israel etwa um 400 vor Christus, spricht hier von seinem Dilemma. Er wollte nicht Prophet werden, da er es nur ganz oder gar nicht sein kann. Und ganz Prophet sein, bedeutet, den Leuten nicht nach dem Mund zu reden, nicht zu sagen, was sie hören wollen, sondern das zu benennen, was unter den Menschen nicht in Ordnung ist. Etwa so, wie ein guter Zahnarzt nicht über die guten Zähne redet, und übersieht, was nicht in Ordnung ist, sondern genau die kranken Stellen findet und dort sondiert, bohrt und reinigt.

Prophet Gottes sein war im alten Israel Arzt des Volkes sein. Es ging um Vorhersagen nur in dem Sinne, wie ein etwa ein Zahnarzt vorhersagen kann: Wenn Sie Ihre Zähne nicht putzen und viele Süßigkeiten essen, dann werden Sie in 1 - 3 Jahren Karies haben. Wenn Sie es tun und jährlich zweimal zur Kontrolle kommen, können Ihre Zähne noch 20 Jahre erhalten bleiben.

Das Aufdecken von Unrecht und Gewalt hatten die Verantwortlichen in Israel nicht gern. Daher machten sie Pläne, Jeremia zum Schweigen zu bringen.
Jeremia wäre am liebsten ausgestiegen und hätte seinen Beruf an den Nagel gehängt. Aber, wie er in diesem Abschnitt beschreibt, konnte er dies einfach nicht. Gott war sein „furchtbarer Held“ er kam von der Wahrheit, von Gott körperlich nicht los.

Jeremia war damit der erste persönliche Prophet der jüdischen Geschichte. Nicht mehr eingebettet in sein Volk und in seinen Glauben, sondern ein selbstständiges Gegenüber von Israel und Gott.

J. Schröder, 16. 3. 2001