Pfingsten 2002


So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat Dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes (Römer 8; 1-2)

Pfingsten ist das christliche Fest, das am bescheidensten (oder gar nicht) gefeiert wird. Die Vorstellung eines heiligen Geistes ist unkonkreter als Geburt und Tod, als Beginn und Ende und wieder Neubeginn zu Ostern. Auch das Wort "Geist" ist, nicht nur im Deutschen, vieldeutig und unscharf. Es kann der menschliche Geist im Gehirn gemeint sein, das Gespenst, der Geist im Wein oder die Emotion der Begeisterung.

Heiliger Geist ist für mich der Wille und die Handlung zum Leben. In diesem Sinn ist Paulus auch zu verstehen, wenn er von der Freiheit von Sünde und Tod spricht, obwohl er selbst zu seiner Zeit vorwiegend an das Ende der Welt dachte. Paulus war so überzeugt davon, daß noch zu seinen Lebzeiten, die Erde vergehen würde, daß er seinen Glaubensbrüdern sogar empfohl, nicht mehr zu heiraten, keine Familie mehr zu gründen (1. Korinther 7) und bestehende Ehen in platonische Gemeinschaften umzuwandeln (1. Korinther 7; 29). Keiner der frühen Apostel hat für eine Welt geschrieben, die noch lange besteht und Menschen die Möglichkeit gibt, sich tiefgreifend zu ändern.

Der Wille und die Handlung zum Leben kann nur auf dieser Erde vollzogen werden, damit ist das Leben kein Durchgangsstadium, sondern Ziel des Menschen. Diese Tatsache wurde von Jesus ("Das Himmelreich ist mitten unter Euch"), Buddha, Gandhi, Lao tse und vielen Anderen betont. Sie konnten dies betonen, als / da sie am Rand ihrer jeweiligen Gesellschaften standen und sie wurden getötet oder gingen, weil sie dies betonten. Ihre Nachfolger übertrugen diese Kernaussagen bald wie Paulus auf das Jenseits und den inneren Glauben allein, um "Gott von der Erde fernzuhalten".

"Gott ist tot" (Nietsche, Dorothee Sölle und Andere), da er/sie keinen Ort und keine Wirksamkeit auf der Erde im Leben der Menschen hat – mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen (Helmut Schmidt). Es ist am einzelnen Menschen selbst, welchen Geist er bildet, schöpft und wählt. Es kann ein heiliger Geist, ein Geist, der heil macht, sein, ein Geist des Todes, ein Geist der Erstarrung. Aber nicht mehr ein gemeinsamer Geist für viele Menschen, da in der Vergangenheit die große Mehrheit der Menschen die Menschen getötet, totgeschwiegen oder verdrängt hat, die einen gemeinsamen Geist Gottes nicht nur für sich, sondern für eine Gruppe von Menschen oder für die Menschheit insgesamt vorgeschlagen und verkündigt haben.

Es ist ein Verlust – und kann zugleich ein Gewinn sein. Ein Schritt in die Freiheit von jeder zwischenmenschlichen Abhängigkeit. Ein Schritt dahin, daß jeder Mensch wirklich allein und voll verantwortlich entscheidet, wie er oder sie sich zur Liebe, zum Leben, zur Schöpfung stellt – zu dem, was unsere Vorfahren Gott nannten.

Johannes Schröder