Römer 9; 14 - 24:

14 Was sollen wir nun sagen? Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott? Das sei ferne! 15 Denn er sagt zu Mose: »Ich werde mich erbarmen, wessen ich mich erbarme, und werde Mitleid haben, mit wem ich Mitleid habe.«
16 So liegt es nun nicht an dem Wollenden, auch nicht an dem Laufenden, sondern an dem sich erbarmenden Gott. 17 Denn die Schrift sagt zum Pharao: »Eben hierzu habe ich dich erweckt, damit ich meine Macht an dir erzeige und damit mein Name verkündigt werde auf der ganzen Erde.«

18 Also nun: wen er will, dessen erbarmt er sich, und wen er will, verhärtet er.

19 Du wirst nun zu mir sagen: Warum tadelt er noch? Denn wer hat seinem Willen widerstanden? 20 Ja freilich, o Mensch, wer bist du, der du das Wort nimmst gegen Gott? Wird etwa das Geformte zu dem Former sagen: Warum hast du mich so gemacht? 21 Oder hat der Töpfer nicht Macht über den Ton, aus derselben Masse das eine Gefäß zur Ehre und das andere zur Unehre zu machen?
22 Wenn aber Gott, willens, seinen Zorn zu erweisen und seine Macht zu erkennen zu geben, mit vieler Langmut die Gefäße des Zorns ertragen hat, die zum Verderben zubereitet sind, 23 und wenn er handelte, damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen des Erbarmens zu erkennen gebe, die er zur Herrlichkeit vorher bereitet hat, 24 nämlich an uns, die er auch berufen hat, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Nationen.


Paulus spricht hier ein Grundproblem an, das viele religiöse Menschen bewegt: Kann ein Mensch mit seinem freien Willen auch ohne Vorhersehung Gottes oder gegen Gottes Willen handeln? Oder ist alles von Gott gewollt und vorhergesehen – und wenn das so ist, wie kann einem Menschen dann noch irgendeine Sünde vorgeworfen werden, da ja letztlich Gott den Willen dieses Menschen verhärtet hat oder einem anderen Menschen Erbarmen gezeigt hat (Vers 18).

Paulus geht davon aus, daß Gott alles in der Hand hat und täglich konkret auf den Menschen einwirkt. Er weist die sachlich richtige Kritik gegen diese Vorstellung mit dem Bild des Töpfers und des Gefäßes (Verse 20-21) ab. Es ist nach Paulus einfach nicht zu erklären, wieso es trotz der Vorherbestimmung des menschlichen Willens durch Gott Sünde und menschliche Verantwortung geben kann.

Meiner Meinung ist die Haltung des Paulus in seiner Zeit und unter den Lebensumständen im römischen Reich verständlich. Ein Mensch war damals kaum Herr seines eigene Lebens, sondern abhängig von einer unverstandenen Natur, von fernen Diktatoren und korrupten örtlichen Beamten. Das übertrug Paulus auf Gott, nur daß Gott der gute König und herrscher ist, der eine Alternative zu den weltlichen Herrschern darstellte.

Heute ist diese Haltung dann problematisch, wenn wir die möglichen Freiheiten in Anspruch nehmen. Wie kann ich mein Kind für eine Lüge tadeln, wenn Gott sein Herz verhärtet hat? Ich müßte es bemitleiden. Wie kann ich für meine berufliche Leistung mehr Geld oder Lob fordern? Ich müßte Gott danken und mit denjenigen teilen, die von Gott benachteiligt sind, da er ihnen Faulheit oder Dummheit zugedacht hat.
Oder aber unser Willen ist doch frei. Dann gibt es den eigenen Verdienst und die eigene Entscheidung, die belohnt oder getadelt werden können und sollten, da der Mensch selbst sein Leben und sein Verhalten gestalten und verändern kann.