Ohrenbeichte und Bußpraxis

[Die Beichte ist von Martin Luther nicht abgeschafft worden. Er hat lange über ihre Einordnung als Sakrament innerhalb der römisch katholischen Kirche nachgedacht, und sie dann, vergleichbar der Trauung, ihrer sakramentalen Stellung entkleidet.
Vorstellungen, daß ein Sakrament "stärker" als eine andere Lebens- oder Gottesdienstpraxis ist, sind für mich Reste magischen Verständnisses, von denen Luther versucht hat, sich so weit wie möglich zu befreien, was ihm als Kind seiner Zeit natürlich nicht ganz gelingen konnte. Erst nach ihm wuchs allerdings das Mißverständnis, daß mit der Entkleidung von der sakramentalen Stellung die Beichte selbst bedeutungslos geworden sei. Bei der für mich vergleichbaren Trauung stelle ich noch heute einen umgekehrten Weg der Entwicklung fest – sie wird von vielen Menschen in der Kirche und auch an ihrem Rand wieder quasi sakramental verstanden.]
Seit 1989 biete ich die Ohrenbeichte und eine individuelle Bußpraxis an. In den Sonntags-Gottesdienst und auch in Gottesdienste zu Amtshandlungen nehme ich vorsichtig Elemente von Beichte und Buße mit hinein, Andere gestalten hier aber viel reicher und geschlossener, was schließlich auch zur neuen Agende geführt hat.
Wenig Menschen stellen an mich direkt die Anfrage nach einer Beichte. Der erste Kontakt besteht meist in einer generellen Anfrage: "Ich habe ein Problem…". Nur daß nach den Veröffentlichungen meines Angebots die Anfragen auch von Menschen kommen, die sich sonst nicht an mich gewandt hätten. Diese Menschen (überwiegend junge und erwachsene Männer) äussern im ersten Gespräch, daß sie das Angebot der Beichte angezogen hat, weil sie von ihm mehr Schutz und Freiheit für ihre Person erwarten als von Seelsorge- oder therapeutischen Angeboten.
Das erste Gespräch beginnt mit meiner Zusage, daß alles, was gesagt wird, unter dem Beichtgeheimnis steht. Diese Zusage gebe ich auch in einem Telefonat. Telefonisch höre ich unter Umständen auch noch an, worum es geht.

Danach öffnet sich einer von fünf Wegen, manchmal aber geht es auch um zwei oder drei Dinge zugleich. Ist materielle oder rechtliche Hilfe angefragt, kann ich telefonisch die ersten Weichen stellen, die Beichte ist hier ein Mittel, Kontakt aufzunehmen. Bis vor einigen Jahren hatte unsere Gemeinde sogar ein "Abo" bei einem Rechtsanwaltsbüro, um Rechtshilfe spontan und unbürokratisch zu leisten, jetzt immerhin noch das Jugend-Beratungszentrum. Mit dem Sozial-, Arbeits- und Wohnungsamt in Bergedorf haben wir gute Kontakte, ein Solidarfonds für finanzielle Hilfe besteht in der Gemeinde.
Diese Dinge sind sehr wichtig für eine Beichtpraxis, da ich keinen Menschen ohne Gesprächs- und Hilfsangebot abweisen muß.
Die anderen drei angefragten Wege sind Therapie, Seelsorge und die Beichte. Diese Wege lassen sich nach meiner Erfahrung nicht ohne große Risiken und Nebenwirkungen zugleich gehen. Rechtliche Hilfe z. B. bei einer Kündigung und die Beichte beissen sich dagegen nicht.
Aber die Frage, ob ein Mensch aus eigener Verantwortung heraus eine Handlung begangen hat, mit der er andere Menschen und sich selbst geschädigt hat, oder ob eine zu heilende Verletzung oder ein Unvermögen zu dieser Handlung geführt hat, muß dieser Mensch selbst entscheiden. Ich kann bei dieser Entscheidung Gesprächspartner sein, mehr nicht.





Diese Frage ist in der Regel das Thema des ersten persönlichen Gesprächs. Die Unterscheidung selbst herausfinden zu können, wird von den Menschen zu Beginn meist als Zu – Mutung erlebt, zum Schluß des Gesprächs als Befreiung und Ernst – Nehmen.
Auch wenn ich die Ausbildungen dazu habe, biete ich bei der Entscheidung für die Therapie nicht mich an, sondern ermutige die Menschen, als Teil der Therapie den Therapeuten oder die Gruppe selbst zu suchen, ich gebe dazu nur Sammeladressen wie von KISS heraus.

Nach der Therapie kann die Beichte folgen, oder auch nach der Beichte die Therapie. Zeitliche Vermischung wird dagegen von dem Wusch nach Unklarheit gespeist und verstärkt ihrerseits Unklarheit, damit das Problem des Menschen. Für alle, Men-schen, die ihr Problem pflegen und nicht lösen wollen, bin ich daher mit meinem Angebot der falsche Partner. Seelsorge ist der dritte, sanftere Weg, der unter Umständen zur Beichte oder zur Therapie hinleiten kann, aber auch ein eigenes Recht hat.

Daß Sie jetzt schon mehr als eine Seite lesen, bis ich zur Beichte komme, ist in der Sache begründet. Die römisch katholische Kirche hat nicht umsonst oder aus Daffke die Beichte (und die Trauung) zum Sakrament erklärt. Sondern aus der Ansicht und Erfahrung, daß viele Menschen mit Verantwortung für ihr Tun und Lassen (Ehe: für ihre Gefühle) überfordert sind oder diese Verantwortung auf eine Institution deligieren wollen.

Wenn der Wunsch zur Beichte geklärt ist, höre ich im persön-lichen Gespräch die Beichte. Der Raum ist mein Arbeitszimmer oder die Wohnung des Beichtenden. Bewußt nicht die Kirche oder die Sakristei, damit nicht Reste magischer Vorstellungen reaktiviert werden.

Nach dem Hören spreche ich mit dem Beichtenden über die Absolution. Die Beichte selbst ist schon eine Lösung und Erlösung, sie ist in sich genug. Daß Reue auf Vergebung trifft, kann ich dem Menschen zusagen, auch atheistisch, wenn ein Atheist zur Beichte kommt.

Gleich im Anschluß an die Beichte oder auch später kommt von vielen Menschen der Wunsch nach einer tätigen Buße. Ich rede nie selbst als erster davon, daher weiß ich, daß sie ein tiefes Bedürfnis ist.
Ich spreche dann in individueller und höchst unterschiedlicher Weise mit dem Menschen darüber, wie er oder sie die Tat den Menschen gegenüber, die betroffen sind, eingestehen kann, und wie er dann, wenn diese Menschen es wollen, auch Wiedergut-machung leisten kann. Meine Hilfestellung ist mit der beim Turnunterricht in der Schule vergleichbar – springen muß der Mensch selbst, er ist nur nicht unbegleitet. Rituelle Bußen halte ich nicht nur für unwirksam, sondern für gefährlich. In einer magischen und kollektiven Welt hatten sie ihr Recht, heute nicht mehr. Meditation, in der der Mensch nach der Beichte zur Ruhe kommt, ist etwas anderes.

Pastor Johannes Schröder